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Aus den Memoiren von D. Hucke: "Unsere zwei Leute in der Botschaft"

Auszug mit freundlicher Genehmigung des Verlages

Die Botschafter der USA in der DDR wechselten häufig. Hin und wieder kam einer von ihnen zu Besuch zu Zeiss. Er wurde im Gästehaus am Jenzig untergebracht, wo auch die Gespräche stattfanden. Einmal fragte ein Botschafter den damaligen Generaldirektor des Außenhandelsbetriebes, Gerhardt Ronneberger, ob es stimme, was ihm zu Ohren gekommen sei: daß sich nämlich das Kombinat Carl Zeiss Jena durch Mitarbeiter der DDR-Botschaft in Washington vertreten ließe? Nach der damaligen US-Gesetzgebung durften Unternehmen aus kommunistischen Ländern in den USA nicht präsent sein. Ronneberger war also gezwungen, zu leugnen: "Das ist ein Gerücht und beruht nicht auf Tatsachen". Stellvertreter Hülß, ebenfalls anwesend, bekräftigte dies. Wenig später stieß Zeiss-Generaldirektor Dr. Biermann zu der Runde. Er begann, dem Botschafter zu erläutern, wie Zeiss den Verkauf seiner diversen Erzeugnisgruppen über verschiedene unabhängige Vertreterfirmen in den USA handhabe, und fügte hinzu: "Außerdem haben wir ja noch unsere zwei Leute in der DDR-Botschaft." Ronneberger und Hülß machten betretene Gesichter. Der Botschafter bewahrte – wenigstens äußerlich – seinen Gleichmut. Ich fragte mich: Was ist hier falschgelaufen?

Als etliche Zeit später auf Grund einer inzwischen geänderten Gesetzgebung in den USA Zeiss Jena ein eigenes Büro in Washington eröffnen konnte, erinnerte ich mich wieder an den Vorfall. Sicher hat Dr. Biermann, als Mitglied des Zentralkomitees der SED und Ko-Vorsitzender im Wirtschaftsrat USA-DDR, schon gewußt, was die anderen noch nicht wußten – daß nämlich eine Veränderung im Gange war und man die heiklen Tatsachen schon gefahrlos preisgeben konnte.

Ronneberger blieb übrigens nicht mehr lange in Jena, sondern wechselte nach Berlin, um im Auftrag von Schalck-Golodkowski und des Ministeriums für Staatssicherheit die Beschaffung westlicher Embargogüter für die DDR zu organisieren. Er hat darüber ein Buch veröffentlicht, das sich spannend wie ein Kriminalroman liest (Gerhardt Ronneberger: Deckname "Saale". Karl Dietz Verlag, Berlin, 1999).

Erschienen in:
Hans G. Beck (Hrsg.): Menschen bei Zeiss und Schott. Sammlung des Seniorenclubs Schott Zeiss Jena e.V., Jena 2002.
Bestelldaten und eine Kurzvita von Dietrich Hucke finden Sie hier.


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