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Kurzbericht zur ASTT-Tagung „Eine Welt ohne Babel“ in Germersheim

Von Katrin Arnolds (BDÜ Landesverband Thüringen), Mitarbeit Julia Berghaus (BDÜ Landesverband Rheinland-Pfalz)

Am 30.06. und 01.07.2022 fand am Arbeitsbereich Allgemeine und Angewandte Sprachwissenschaft sowie Translationstechnologie (ASTT) des Fachbereichs Translations-, Sprach- und Kulturwissenschaft (FTSK) der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz in Germersheim die Tagung „Eine Welt ohne Babel? Aktuelle Wandlungsprozesse im Übersetzen durch Technologisierung, Automatisierung und Künstliche Intelligenz“ statt.

Besprochen und beleuchtet wurden unter anderem die Veränderungen in Unternehmen und der Arbeitswelt durch die Digitalisierung, aktuelle Forschungsergebnisse bei der maschinellen Übersetzung (MÜ), Herausforderungen für Studieninhalte und Ausblick/Trends/Prognosen zur Veränderung der Tätigkeit von Übersetzern. Neben einem hervorragenden Programm mit interessanten Vortragenden gab es zwischen den thematischen Blöcken immer eine Podiumsdiskussion, die zum weiteren Nachdenken anregte.

Der Grundtenor lässt sich in etwa so zusammenfassen: Gut ausgebildete, professionelle Humanübersetzer („Expert-in-the-loop“) werden immer noch gebraucht (werden), und zwar mehr denn je. Der Markt wächst insgesamt weiter kräftig. Reine Humanübersetzungen (HÜ) sind weiterhin in spezialisierten Bereichen wie Marketing, Recht, Transkreation gefragt. Bei den Expert-in-the-loop-Übersetzungen sehen wir zurzeit ein jährliches Wachstum von 5 bis 8 %.

Aber auch für die MÜ-gestützte Übersetzung sind Übersetzer mit einer fundierten Ausbildung unerlässlich, denn eine gute linguistische Basis ist unabdingbar, wie mehrmals betont wurde. Nur gut ausgebildete Sprachprofis können eine MÜ-gestützte Übersetzung verifizieren und die Haftung übernehmen. Es wurde außerdem die Idee diskutiert, diese Tätigkeit nicht mehr „Post-Edition“ zu nennen, weil ihr der Makel des „Anhängsels“ anhaften könnte, sondern selber eine neue Bezeichnung zu etablieren, wie z. B. „MÜ-Revisor“. Dazu gab es auch den provokanten Vorschlag, ganz einfach weiterhin bei der Bezeichnung „Übersetzer/in“ zu bleiben, da der Einsatz von MÜ heute dazugehört (und es früher auch keine Extra-Begriffe dafür gab, mit welchem „Werkzeug“ eine Übersetzung angefertigt wurde). Für die Tätigkeit der Revision/Editierung wurden außerdem spannende neue Eingabemethoden vorgestellt, z. B. per Gestik (Multi-Modal Post-Editing), zu denen am Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz geforscht wird.

Einigkeit herrschte darüber, dass die Beratung von Kunden zum Einsatz von MÜ eine immer wichtigere Rolle spielt; in der Öffentlichkeit hat die KI häufig ein zu positives Bild und dementsprechend steigen auch die Kundenerwartungen. Genau dieser Bereich könnte auch zu einer der neuen Rollen für Übersetzer zählen. Denn die Qualität der MÜ ist zwar besser geworden (auch messbar durch neue Metriken), erreicht aber nicht die Qualität der HÜ. Derzeitige MÜ-Schwächen sind vor allem Weglassungen, falsch übersetzte Eigennamen, nicht erkannte Negationen und zum Beispiel die Umsetzung spezieller Vorgaben wie inklusive Sprache.

Im Zusammenhang mit neuen Rollen/Tätigkeitsfeldern wurden auch weitere Ausprägungen und Bezeichnungen erwähnt, wie Qualitätssicherung, Linguistic Data Engineering oder Linguistic Data Management (Begriffe, die schon in Stellengesuchen zu finden sind). Auch neue Märkte wie die Synchronisierung von YouTube-Videos (von wichtigen Influencern) wurden erwähnt. Tätigkeiten im Vertrieb und MT Engineering sind weitere mögliche Betätigungsfelder.

Dass sich auch die Honorarmodelle werden ändern müssen, wurde ebenfalls angesprochen. Die heute übliche Bezahlung nach Wort passt nicht mehr zur neuen Arbeitsweise. Denkbar sind beispielsweise Bezahlung nach Zeitaufwand oder Editionsaufwand (der sich messen lässt) oder auch projektbezogene Bezahlung nach Aufwandsschätzung.

Bei all dem müssen und wollen die Ausbildungsinstitute mitziehen. Es gab und gibt dort schon viel Bewegung, und eine stärkere Einbeziehung von Technologie wird auch von den Studierenden eingefordert.

Interessant sind in diesem Zusammenhang auch Kompetenzprofile, die beispielsweise die tekom zu entwickeln versucht. Da gibt etwa die Kompetenzpyramide, an deren Basis die fundierte linguistische/kulturelle Ausbildung inkl. technischer Grundkenntnisse steht, und ganz oben die Spezialisierung. Dazwischen stehen Kompetenzen wie Kommunikation oder wirtschaftliches Denken.

Das wichtigste Fazit ist aber vielleicht: Bewerten wir die Maschine nicht über und verteufeln wir sie auch nicht. Unsere Kompetenz ist und bleibt weiterhin wertvoll und ist aus dem Prozess nicht wegzudenken (hier kommt wieder der Begriff des „Expert-in-the-loop“ ins Spiel). Dies sollten wir mit starkem Selbstbewusstsein vertreten und uns immer wieder auch selbst bewusst machen. Zugespitzt wurde auch gesagt: „Nur der Übersetzer wird durch eine Maschine ersetzt, der nicht bereit ist, mit ihr zu arbeiten“. (Dies war vor allem als Antwort auf Lars Klingbeils Aussage bei Anne Will 2018 gedacht, dass unser Beruf bald durch Maschinen ersetzt wird.) Aber auch nicht zu vergessen: Es gibt etliche Bereiche, in denen die reine Humanübersetzung weiterhin gefragt ist, sodass wir die Kunden auch dahingehend beraten sollten. Schließlich muss es auch weiterhin ausreichend viele human übersetzte Texte geben, da wir sonst die Maschine nicht mehr gut „füttern“ können.

Zusammenfassend lässt sich sagen: Gehen wir weiterhin mit Selbstbewusstsein unserem Beruf nach und versuchen wir, mit dem Wandel mitzugehen und uns vielleicht sogar neue Tätigkeitsfelder zu erschließen.

Zum Weiterlesen:

Komplettes Tagungsprogramm mit Angabe der Referentinnen und Referenten und Links zu den Präsentationen

10 Areas Where Translators Are (and Will Remain) Essential Experts in the Loop

Risikomatrix für Übersetzungen (Canfora und Ottmann)

Entscheidungsbaum fürs Post-Editing (Nitzke, Hansen-Schirra, Canfora):

Machine translation for everyone: Empowering users in the age of artificial intelligence:

Multi-Modal Post-Editing

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